Monson, ME: Danach

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Nein, wir sind nicht über eine Woche am gleichen Ort geblieben. Wir sind hin und wieder zurück. Hin, durch die Wilderness, rauf auf Katahdin, wieder runter, raus aus Baxter State Park und letztendlich wieder nach Monson zurück. Dort blieben wir ja bereits vor dem Betreten der Wildnis und hatten nach einer kostengünstigen Übernachtungsmöglichkeit gefragt, wodurch wir eine der beiden verbrachten Nächte mit Arbeit bezahlen konnten. Offenbar haben wir so gut geputzt, dass das nun ebenfalls kein Problem zu sein scheint.

Eigentlich hatten wir insgesamt sechs Tage geplant, um durch die unbewohnten 100 Meilen vor Katahdin zu kommen und am siebten den finalen Anstieg zu bezwingen. Da sich allerdings schlechtes Wetter für den siebten Tag ankündigte, und Katahdin wahrlich kein Berg ist, den man, abgesehen von der fehlenden Aussicht, bei Regen besteigen möchte, versuchten wir in der zweiten Hälfte richtig Meilen zu machen. Glücklicherweise war dies dank dem nach Katahdin hin abflachenden Profil relativ einfach, auch wenn der Untergrund mit den üblichen Wurzeln, der Matsche und den an Pennsylvania erinnernden Steinen schmerzlich an frühere Zeiten erinnerte.

Zusammen mit Red Feather, einer Hikerin, die wir im Shenandoah getroffen, haben wir vor der Wilderness einen Fooddrop arrangiert, um nicht so viele Lebensmittel tragen zu müssen. Da wir uns allerdings nicht darauf verlassen wollten, trugen wir selbstverständlich Extraportionen, was unsere Rucksäcke im Endeffekt nicht wirklich leichter machten. Es scheint, als hätten wir auf den 2000 Meilen von Georgia nicht viel in der Hinsicht gelernt – alle anderen Hiker, die so weit gekommen sind, haben ihr Gepäck schon wesentlich drastischer entschlackt. Andererseits verzichten die wiederum auf mehr Komfort, den wir uns eben mit Rücken-, Schulter- und Hüftschmerzen erkauften.

Als wir vor der Wildnis SoBos getroffen haben, sahen die meist ziemlich durchnaesst aus. Auf Nachfragen, wie schlimm das Wetter denn gewesen sei, gab es den Bericht von „mindestens allen drei Tagen Regen“, wir waren also auf das Schlimmste vorbereitet. Alles in dreifachen Tueten verpackt marschierten wir strahlendem Sonnenschein entgegen, der sich, abgesehen von hoechsten halbstuendigen Schauern, nicht veraendern wollte. Insgesamt war das Wetter beinahe zu gut, den Muecken hat es naemlich auch hervorragend gefallen. Entsprechen zerstochen sahen wir am Katahdin Stream Campground, der letzten Bastion vor der Besteigung Katahdins, auch aus. Hatten wir morgens noch ueberlegt, vielleicht die Nacht an der Abol Bridge, die auf halbem Wege liegen wuerde, doch waren wir nach der Ankunft dort etwas enttaeuscht. Eigentlich dachten wir, dort ein leckeres Mittagessen zu uns nehmen zu koennen, doch anstelle des geschlossenen Restaurants mussten wir uns mit einem ueberteuerten Tankstellenladen und durchweichten Sandwiches begnuegen. Wenige Meter nach der Wildnis hatten wir etwas mehr Hikerfreundlichkeit und Angebot erwartet und uns schon Meilen davor darauf gefreut – schade!

An The Birches, dem abgelegenen Shelterplatz fuer Thruhiker, fanden sich ausser uns noch Jax, Bostrichund Lucky ein, nur letzteren kannten wir schon seit einer ganzen Weile. Auf seine Bitte hin verliessen wir den Platz zusammen am naechsten Morgen gegen 6 Uhr, da wir fuer den Auf- und Abstieg einige Zeit einplanten, auch wenn es „nur“ fuenf Meilen pro Weg sein sollten. Die ersten Meilen unter der Baumgrenze erschraken uns nicht wirklich – ein paar Wurzeln, feuchte Steine, einige Muecken. Sobald wir jedoch ueber dem letzten Baum angelangt waren, veraenderte sich die Szenerie drastisch: Mannshohe Felsen und kaum von Menschen angebrachte Sicherungen wie Steigeisen, die wir zuvor noch manchmal erlebt hatten. Hier war man allerdings vollkommen auf sich allein gestellt, wodurch manche Passagen echte Herausforderungen boten. Dank der Daypacks, die man sich kostenlos bei den Rangern im Park leihen konnte, fehlte das gewohnt monstroese Gewicht auf unseren Ruecken und nahm uns daher eine Menge der Schwierigkeit.

Nach etwa dreieinhalb Meilen erreichten wir ein Plateau und erhaschten den ersten, richtigen Blick auf den Gipfel. Danach wurde die Wanderung wesentlich unanstrengender, was sicherlich auch mit der herausragenden Aussicht zusammenhing. Und dann waren wir endlich da. Dort, worauf wir seit 155 Tagen hinarbeiteten. So oft hatten wir davon getraeumt, so oft Bilder vom Gipfel und dem charakteristischen Schild gesehen.


Monson, ME

Unglaublich. Das wird der letzte Beitrag sein, bevor wir Katahdin bestiegen haben. Denn seit gestern sind wir in Monson, ME angekommen, der letzten Trailtown vor den 100 Meilen Wildnis, die mit Milinocket, ME etwa 15 Meilen vor Katahdin endet. Doch so gut gerüstet, nicht nur mit den etlichen Kilos Lebensmitteln, wollen wir dort keinen Stopp machen, sondern auf Katahdin hinauf und diesen Trail hinter uns bringen. Mit dann mehr als fünf Monaten währte er lang genug, rund sechs Tage planen wir jetzt noch.

In den letzten Tagen bis hier hin konnten wir uns endlich wieder an unsere alten Tagesetappen gewöhnen, das harte und nur langsam zu bewältigende Südmaine liegt auf dem Ablagestapel. Von Rangeley nach hier gönnten wir uns keinen Zwischenstopp in einem Ort, um Lebensmittel aufzustocken, weswegen unsere Rucksäcke von entsprechend vielen Vorräten übermenschlich schwer waren – wirklich gelernt haben wir in dieser Hinsicht seit Georgia offenbar nicht. Während die ersten drei Tage also im wahrsten Sinne des Wortes „schwer“ waren, auch aufgrund der wieder hohen Aufstiege über Saddleback, Crocker Mountain und Co., rollten wir die verbleibenden förmlich. Auch die öfter auftretenden Flussüberquerungen, für die wir uns extra Wasserschuhe angeschafft haben, konnten uns dank des anhaltenden guten Wetters nicht aufhalten.

Ein ähnliches Profil erwartet uns nun auch wieder bis Katahdin. Während die ersten Tage noch mit „Bergen“ aufwarten, wird es mit Sümpfen zum Schluss hin flacher – fünf Tage bis zum Katahdin Stream Campground halten wir daher für realistisch.

Die größte Frage ist nur: Was machen wir danach?

Rangeley, ME

„Endlich aus den Whites raus, jetzt können wir richtig Meilen machen und den Rest vom Trail schnell hinter uns bringen.“ Als wir mit diesen Gedanken Gorham verließen, war uns Maine noch nicht passiert.

Trotz einem recht großen ersten Tag mit 16 Meilen, an dessen Ende wir müde, doch strahlend über die Grenze nach Maine treten konnten, wurden die folgenden Tage eher kurz. Zwar wanderten wir nicht unbedingt weniger Stunden am Tag, aber jede einzelne Meile wollte hart verdient sein. Stets hörten wir Gerüchte über den Schwierigkeitsgrad Maines aufgrund der Mücken und der zu überquerenden Flüsse, dass der Trail an sich wegen vieler Steine, Wurzeln und des Matsches anstrengend sein sollte, war einigermaßen überraschend. Dementsprechend hielten sich unsere Tage unter 15 Meilen, denn es gab auch so Strecken wie die sogenannte „Funmeile“, die den Ruf „längste“ oder „schwierigste“ Meile des Trails nicht umsonst verdient – wie wir jetzt behaupten können. Nicht nur, dass wir sogar noch Schneereste unter Felsen entdecken konnten – die Funmeile ist ein ewig langes Stück von Felsenkletterei zwischen zwei Klippen, etwa 50 Meter breit – sondern stets musst man um seine Gesundheit oder zumindest seine Wanderstöcke fürchten. Verschwänden diese einmal in einem der manchmal fünf Meter tiefen Löcher, wären sie für alle Unendlichkeit verschollen.

Das Wetter in New England hatte sich bisher nicht immer von seiner sonnigsten Seite gezeigt, waren wir jedoch nass, trockneten wir bei halbwegs warmen Temperaturen wieder schnell. Eine ganz andere Erfahrung mussten wir allerdings am Sonntag machen, und auch andere Hiker, wie wir hinterher erzählt bekamen. Eigentlich wollten wir nämlich gerade einmal 14 Meilen zu einer Straße nach Andover, ME bewältigen, nachdem wir den ersten Zugang nach vier Meilen übermütig links liegen ließen. Nach insgesamt zehn Meilen mussten wir kapitulieren. Der stetige Regen, zeitweise ziemlich heftig, hatte uns soweit ausgekühlt, dass wir uns schnellstmöglich unserer Kleidung entledigen und Zuflucht im Schlafsack suchen mussten, auch wenn wir schon um halb eins mittags am Shelter ankamen.

Jetzt stehen uns nur noch lediglich 220 Meilen bis zum Terminus Katahdin bevor, und wir sind ein wenig in Schule-kurz-vor-Sommerferien-Stimmung. Laut unserer waghalsigen Planung in einer Exceltabelle könnten wir am 13. Juli dort sein – dazwischen stehen aber noch einige 20-Meilen-Tage und die berühmt-berüchtigte 100-Mile-Wilderness. Davor planen wir unsere nächste und letzte Übernachtung in einem Hostel, wo uns auch ein Paket mit Lebensmitteln für die letzte Woche erwartet.

Gorham, NH

Haben wir uns schon seit Hunderten, wenn nicht, Tausenden von Meilen gefragt, warum jeder vor dem Absacken des Meilendurchschnitts in New Hampshire und den Whites gewarnt hat – haben wir die Antwort jetzt zu Genüge am eigenen Leibe erfahren.

Nach einem späten Start aus dem Hiker’s Welcome Hostel in Glencliff begnügten wir uns mit einem Fast-Zero, da wir uns lediglich nicht mal eine Meile bis zum nächsten Shelter am Fuße des ersten, beeindruckenden Bergmassivs Mt. Moosilauke schleppten. Am nächsten Tag stand dann die sich in wenigen Meilen fast 4000 Fuß erhebende Besteigung bevor, die überraschend einfach war. Zumindest einfacher, als wir erwartet hatten und einfacher als das, was uns noch bevorstand. In den White Mountains muss man definitiv mit anderen Tagestouren rechnen, so erreichten wir zwar den Gipfel schon dank eines Starts in der Dämmerung recht früh am Morgen, doch waren wir ja auch noch nicht wieder auf der anderen Seite des Bergs angelangt. Das sollte wohl unsere erste, harte Prüfung in den Whites darstellen, denn für lediglich anderthalb Meilen benötigten wir weit über zwei Stunden. Unten angekommen lasen wir auf einem Schild, dass es sich um eine extrem schwierige Sektion handeln soll, die nur erfahrene Wanderer auf sich nehmen sollen. Der Großteil des Abstiegs war direkt neben einem Wasserfall gelegen, wodurch die glatten Felsplatten eine stetige Zufuhr an Feuchtigkeit bezogen. Hilfe durch Holzstufen oder metallene Griffe war nur rudimentär angebracht.

Froh, nach neun Meilen endlich die Nordseite von Mt. Moosilauke bezwungen zu haben, planten wir, von der Straße nur flott in die nächste Stadt (Lincoln, NH) zu trampen, dort einzukaufen, zu essen, schnellstmöglich wieder zu verschwinden und irgendwo innerhalb der nächsten Meter auf dem Trail zu zelten, da Schlafmöglichkeiten im Ort tourismusbedingt teuer waren, doch hatten wir die Rechnung ohne Dan gemacht. Dan ist mit gerade einmal 55 Jahren pensionierter Feuerwehrmann und plant nächstes Jahr seinen eigenen Thruhike. Auf einem Parkplatz fing er uns in Begleitung zweier anderer Hiker, die wir im Glencliff’sche Hostel kennengelernt hatten und lud uns in sein Auto ein. Während der Fahrt zum Supermarkt fragte er uns, ob wir auch im „Hostel“ übernachten würden, wovon wir augenscheinlich nichts wussten. In unserem Wanderguide war Chets umgebaute Garage nicht erwähnt, wo der nach einem Campingkocherunfall im Rollstuhl sitzende Besitzer Hiker kostenlos unterkommen lässt. Angesichts des schlechter werdenden Wetters war die Entscheidung schnell gefällt, dochDan hatte noch ein weiteres Ass im Ärmel: Bei Interesse könnten wir den Abend mit Bier, Pizza und Wohnanlagenjacuzzi in seinem Ferienappartement verbringen, er war nämlich nur für ein paar Tage in der Gegend. Dankbar nahmen wir auch dieses Angebot an, ein heißes Bad hatten wir schon seit Monaten nicht genießen können. Gut gesäubert und gesättigt unterbreitete uns Dan seinen Masterplan: Am nächsten Tag könnten wir über den bevorstehenden Kinsman Mountain slackpacken und dann die Nacht nicht bei Chet, sondern in seiner Ferienwohnung verbringen, samt Jacuzzi und Abendessen. Als wir fluchend über vollkommen ungesicherten Felsen zum und vom Gipfel stolperten, vermissten wir unsere schwere Wanderrucksäcke ganz bestimmt nicht. Dafür hielt das Wetter weitaus besser und der erste Besuch in einer von insgesamt acht Huts kurz vor Ende des Tages überraschte uns schon wieder mit Dan, der vom Parkplatz aus ein wenig hochgewandert war.

Als uns Dan am nächsten Tag wieder zum Trail brachte, standen uns läppische zehn Meilen bevor, jedoch wieder mit unseren schweren Rucksäcken und der Besteigung von Mt. Lafayette. Auch hier lag die Krux nicht unbedingt im Aufstieg, der auf den zwei Meilen vor dem Gipfel an einem größtenteils sonnigen Tag mit grandiosen Aussichten belohnte, sondern am steinigen Abstieg. So kamen uns die geschafften zehn Meilen am Shelter gar nicht mal mehr so läppisch vor. Das Shelter gehörte im Übrigen zum ersten, für welches man bei Übernachtung bezahlen muss: Acht Dollar pro Person.

Nach Regen in der Nacht und am Morgen ging es weiter bergab und man hatte das Gefühl, in den Whites werden Wanderwege selten angelegt, sondern vielmehr an bestehende, baumfreie Strecken angepasst – da bietet sich ein steiniger Wasserfall ja geradezu an, der sich im Regen auch noch verstärkt hatte. 15 Meilen später waren sowohl wieder am Shelter als auch am Ende unserer Kräfte, dafür aber im letzten Shelter vor dem Masterpiece der Whites: Mt. Washington, der zweithöchsten Erhebung auf dem gesamten Trail, da der erste Platz an den längst vergangenen Clingman’s Dome in den Smokies geht. Nach diesem Shelter hätten wir nur die Möglichkeit, wild zu zelten, was sich nicht nur wegen des schnell umschlagenden Wetters jedoch als schwierig herausstellen konnte, oder wir würden 42 Meilen wandern, wo sich das nächste Shelter befände. Dazwischen gab es nur weitere der erwähnten Huts, wo wir eben am nächsten Abend unterkamen.

Normale Übernachtungen sind mit rund 130 Dollar pro Person und Nacht kaum zu bezahlen, doch seit jeher gibt es für Thruhiker die Möglichkeit des Work for Stay. Mit etwa 20 Minuten Arbeit verdient man sich so ein gemütliches Fleckchen Boden im Esssaal sowie die Reste von Abendessen und Frühstück, die die teuer zahlenden Gäste übrig lassen. An diesem Abend fand sich zudem die „President’s Society“ des betreibenden Wanderclubs AMC ein, weswegen auch noch Wein, Käse und Cracker gereicht wurden, woran wir uns gütlich tun durften. Da die Übernachtung so gut funktioniert hatte, planten wir dies ebenso für die nächste Nacht, da uns weitere acht Meilen bis zur Straße nach Gorham, NH viel zu spät hätten ankommen lassen. Wir taten gut daran zu warten, wie wir am nächsten Tag feststellten, da die vom Regen feuchten Steine und Felsen kaum passierbar waren und uns so drei Meilen mehr als dreieinhalb Stunden und eine ganze Menge unserer Kraft kosteten. Um so schnell wie möglich an die Straße nach Gorham zu kommen, nutzten wir eine Abkürzung über einen anderen Trail. Dort angekommen fand sich ein schneller Hitch in den Ort, wo wir uns für das Hiker’s Paradise als vorübergehende Bleibe entschieden. Heute sollte es laut Vorhersage gewittern, weswegen wir uns frei nahmen. Für morgen planen wir erneutes Slackpacking, um sicher über Wildcat Mountain, den ersten Berg außerhalb der Whites, und mit 21 Meilen überhaupt endlich mal wieder ein bisschen schneller vpran zu kommen. Ob das realistisch ist, wird sich zeigen.

Glencliff, NH

Aus Hanover konnten wir uns dank Bücherei, Dusche und Einkauf erst recht spät losreißen, weswegen wir, auch mit Blick auf den sich dunkler färbenden Himmel und den angekündigten Regen, es nur bis zum eine Meile außerhalb liegenden Shelter schaffen konnten. Das bedeutete aber auch, dass dann zwei härtere Tage vor uns liegen würden, wenn wir es bis Sonntagabend ins Hostel am Fuße von Mt. Moosilauke und somit am Beginn der White Mountains machen wollten – und dass wir nun von hier aus einen Statusbericht abgeben können, beweist unseren Erfolg. Dafür mussten wir jedoch hart kämpfen, auch wenn die Erhebungen wohl eher noch voralpiner Art waren und die wahren Herausforderungen noch bevorstehen. So wie morgen zum Beispiel, da müssen wir nämlich über genannten Berg – beziehungsweise zumindest hinauf, den steilen Abstieg sparen wir uns für übermorgen, da das Wetter in kommenden Tagen nicht mitspielen und Regen statt schwüler Sonne und Aussichten bringen soll, genau jetzt, wo die visuellen Leckerbissen die schweißtreibenden Wandertage belohnen sollen. Man muss auch mal Pech haben.

Glück hatten wir in den letzten Tagen nämlich eher. Abgesehen von verlotterten Wegen, die schon monatelang von den gleichen Baumstämmen versperrt werden, bekamen wir beispielsweise von Trailangel Bill auf seiner Veranda ein Eis spendiert, welches bei der Hitze wirklich willkommen war. Das gab uns vermutlich auch die letzte Kraft, um am Ende des Tages noch Smarts Mountain zu besteigen und zum Shelter auf der Spitze zu gelangen. Danke, Bill!

Hanover, NH

Aus Manchester wanderten wir lediglich zwei Meilen bis zum naechsten Shelter und verbrachten dort die Nacht mit Sectionhikern und Long-Trailern, andere Thruhiker des Appalachian Trails machten sich jedoch rar. Hatten wir in unserer vorherigen Planung niemals bedacht, in Vermont ordentlich Meilen machen zu koennen, knackten wir am naechsten Tag einfach mal unseren Rekord mit rund 28 Meilen – dafuer belohnten wir uns jedoch auch nach einem weiteren 20-Meiler mit gleich zwei Zerodays. Ort der Entspannung sollte das Hiker Hostel in Rutland, VT sein, welches von den „Twelve Tribes“ („Die Zwoelf Staemme“ in Deutschland) gefuehrt wurde: Einer religioesen Vereinigung, nicht unaehnlich der Amish People. In Gemeinschaft und unter totalitaerer sowie patriarchischer Fuehrung fuehrten sie neben dem Hostel ein gemuetliches Restaurant mit hervorragender Kost. Um unseren Geldbeutel ein wenig zu schonen nahmen wir das Angebot des Work For Stay in Anspruch – fuer unsere Uebernachtung im nach Maenner und Frauen getrennten Schlafsaal verbrachten wir insgesamt rund sechs Stunden mit Kartoffeln schaelen, gefrorene Erdbeeren und Bananen abwiegen und in Tueten packen, putzen usw. Da auch Mitglieder aus einer deutschen Gemeinschaft aktuell zu Besuch waren, wurden wir am ersten Abend zu einem Dessert und Kaffee eingeladen… waehrend wir stets von den deutschen Frauen unauffaellig „evangelisiert“ wurden. Man merkte deutlich, dass die Rekrutierung im Becken der AT-Hiker an einer sehr hohen Position stand, daher wurden wir fuer die naechsten drei Tage kaum in Ruhe gelassen. Wettgemacht wurde diese permanente Predigung aber auf alle Faelle durch das unfassbar gute Essen, da alle dort bleibenden Hiker ein Fruehstueck serviert bekamen.

Als wir am Mittwoch endlich entfliehen konnten, hatten wir erneut zwei 20-Meilen-Tage geplant, um heute in Hanover, NH sein zu koennen – und wie ihr lesen koennt, hat das mit minderen Verlusten auch geklappt. Unsere Beine sind von dem unablaessigen Auf und Ab ziemlich muede, unsere Koerper sind trotz dem in Deutschland verbotenen Einsatz des Insektizides „Deet“ zerstochen, doch wir freuen uns, endlich in New Hampshire zu sein. Der Spass faengt jetzt erst an, fuerchten wir.

Dachten wir schon in Harpers Ferry, der ideellen Haelfte, dass wir so unfassbar weit gekommen waeren, multipliziert sich dieses Gefuehl ins Unbegreifliche. Nur noch 440 Meilen trennen uns von unserem Ziel Mt. Katahdins, auch wenn dazwischen noch die White Mountains und Maines 100-Mile-Wilderness liegen. Das Hiker-Burnout, dass wir bei vielen Kompagnons und vor allem uns beobachten konnten, transformiert langsam aber sicher in Trotz und Biss – wir wollen einfach ankommen.

Manchester, VT

Nachdem wir ein unfassbar gutes Dinner mit echtem Fleisch zum Beißen in Great Barrington genießen durften, war die Zeit des Abschiedes von Jess und Sheffield gekommen – doch so ganz irgendwie auch wieder nicht. Wegen unserer schmerzenden Füße entschieden wir uns, in kommender Zeit bei einem Podologen vorbeizuschauen, der vermutlich stante pede der Ohnmacht anheim fallen würde, sobald wir uns unserer Socken entledigten. Jess übernahm freundlicherweise wieder die Telefoniererei und kam zu dem Ergebnis, dass der eine erst in wenigen Tagen, der andere erst im August für uns Zeit finden könnte. Die Alternative war daher die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses. Da wir schon die grausigsten Gruselgeschichten des amerikanischen Gesundheitssystems gehört hatten, waren wir auf alles gefasst – doch nicht auf eine unkomplizierte, schnelle, freundliche und kompetente Behandlung, wie wir sie erfuhren. Da der Arzt nach lokaler Betäubung meines Zehs schließlich ein Stück des Nagels herausschnitt und einen beachtlichen Verband anlegte, war an ein Weiterwandern am gleichen Tag nicht mehr zu denken. Zwei Nächte bei Jess konnten und wollten wir uns jedoch auch nicht mehr leisten, trotz dem verhältnismäßig günstigen Preis und der ungemeinen Gemütlichkeit ihrer Behausung. Stattdessen fuhr sie uns zu einem nicht weit entfernten Erholungscenter etwas nördlich auf dem Trail, wo wir als einzige Hikergäste gut unterkamen und uns breit machen konnten.

Von da aus starteten wir am frühen Morgen mit dem Ziel der erst wenige Tage zuvor geöffneten Upper Goose Pond Cabin, einer zur Hikerakkomodation umfunktionierten Jagd- und Fischerclubhütte, die ab Ende Mai von einem Caretaker beaufsichtigt wird. Da wir wieder die einzigen Wanderer vor Ort waren, wurden wir mit Weißwein, Chili und Nachos am Abend sowie Unmengen von Pancakes am Morgen verköstigt. Derart satt zogen wir also Richtung Norden, um uns in dem kleinen Örtchen Dalton, MA zum Bleiben beim ortsansässigen Trailangel zu entscheiden. Schon glücklich mit der Aussicht, trocken auf der Terasse übernachten und unseren Kartoffelpüree kochen zu können, waren wir nicht darauf gefasst, zu selbstgekochtem Dinner und Frühstück eingeladen zu werden. Nach Dusche im Communitycenter des Dorfes begaben wir uns wieder auf den Weg, um am Ende des Tages die Besteigung des höchsten Punktes Massachusetts‘ zu beginnen. Der immer stärker werdende Regen zwang uns in ein Shelter vor dem Gipfel, die Spitze musste also auf den Morgen verschoben werden. „Was eine tolle Aussicht!“ hätten wir dort vermutlich proklamiert – wenn wir mehr als 10 Meter in der Waagerechten hätten ausmachen können. Mt. Greylock zeigte sich allerdings so, wie sein Name vermuten ließ: grau, trübe, regnerisch.

Da wir am Tage zuvor bereits so ungemütlich nass geworden waren, dass all unsere Kleidung dringend in den Trockner verfrachtet werden musste, erledigten wir dies in North Adams, welches noch in der nördlichsten Ecke von Massachusetts liegt. Nach dem Besuch dort erreichten wir auf dem Weg zum Shelter die Vermont-Grenze und das südliche Ende des Stücks, auf dem der Long Trail und der unsere parallel verlaufen. Als ob die willkürliche Staatengrenze die Vegetation maßgeblich bestimme, verwandelte sich die Umgebung Vermont-Bilderbuch-typisch in Nadelwald und hohe Berge. Am Abend erreichten wir das Shelter am Glastenbury Mountain, den wir mit unseren verbliebenen Kräften ohne Gepäck bestiegen, da der oben zu findende Feuerturm mit einem Sonnenuntergang und einer atemberaubenden Aussicht lockte.

Mit Ähnlichem belohnte uns auch Stratton Mountain am Tage darauf, der erschöpfende Anstieg war jedoch vermutlich nur ein Vorgeschmack auf die bevorstehenden White Mountains in New Hampshire. Momentan verbringen wir den Mittag in Manchester, VT, um Vorräte aufzufüllen, nach einem wärmeren Schlafsack in meiner Größe zu schauen und unsere Wäsche zu waschen – unsere Körper müssen leider noch etwas ausharren, für Kaltduschen in der Wildnis oder gar einen Sprung in einen Bergsee zeigt sich das Wetter aktuell nicht freundlich genug.

https://goo.gl/photos/ntVjVSKDU1USWvW79

Sheffield, MA (1499,5 Meilen)

SHEFFIELD, MA
1499,5 MI
TAG 106: 05/26/15, 4:27 PM
RAUPÜBERFALL
Fast unauffällig verlief der Grenzübertritt von Pennsylvania nach New Jersey. Die Hoffnung auf steinlose Wege erfüllte sich leider nicht, aber immerhin gab es streckenweise so etwas wie waldwege. Die Tagesprofile waren sehr unterschiedlich, denn schon am ersten Tag nach Delaware Water gap wurde unser Tag kürzer als geplant, da uns ein zufällig vorbeifahrender Anwohner von einem privaten, kostenlosen Shelter erzählte, „direkt in der Nähe“. Damit verschob sich allerdings unser Wochenplan um einen Tag, wenngleich das Shelter eher einem verlassenen und baufälligen Jugendhaus glich, welches mitsamt der dazugehörigen Anlage und vielen weiteren Häusern von einer Studentenorganisation gekauft und renoviert wurde. Neben der kostenlosen Zur-Verfügung-Stellung eines Daches über dem Kopf wurden wir auch noch mit unzubereiteter deutscher Bratwurst und Dosenpfirsichen verköstigt, was die Entfernung vom Trail von bestimmt einer halben Meile entschädigte.
Als wir nach Tagen des unspektakulären Wanderns – abgesehen von der ungewollten Dusche in den sogenannten „Silk Worms“, die in manchen Gegenden überall von den Bäumen hängen und dem ahnungslosen Wandersmann Körperkontakt aufzwingen – endlich in unserem nächsten Ort namens Pawling, der bereits in New York lag, angekommen waren, war unser Hauptanliegen neben Dusche und Waschen von Kleidung das Abholen eines Lebensmittelpaketes, welches wir einige Zeit zuvor von Port Clinton, PA hatten weiterschicken lassen wollen – leider hat es die dortige Post nie verlassen, wie wir per Telefon feststellen mussten. Halb unverrichteter Dinge zogen wir also zu einem hikerfreundlichen Gartencenter weiter, von welchem wir durch unseren Guide erfahren hatten. Dort erwarteten wir einen Zeltplatz und eine dringend benötigte Dusche gewährt zu bekommen, leider war letztere jedoch defekt. Die kostenfreie Kaltdusche an der Außenwand des Gebäudes erschien uns leider unattraktiv, da die vor allem nachts fallenden Temperaturen eher zu Mütze und Schal denn Badeshorts einluden.

Etwas frustriert, wie es weitergehen soll und vor allem, wie mein Geburtstag gebührend feierbar ist, zogen wir weiter gen Norden, durchblätterten fieberhaft unseren Guide auf der Suche nach einer Bleibe für einen wohlverdienten Zeroday – bis zu einem Anruf bei Jessica in Sheffield, MA. Für verhältnismäßig kleines Geld dürfen wir so auf ihrem Dachboden schlafen, bekommen ein enormes Frühstück serviert und haben eine Fahrtgelegenheit zu Supermarkt und Restaurant. Ihre Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit gipfelt sogar in dem Mitbringen von lokalem Bier und dem Herumschlagen von diversen Outfitterhotlines. Dass wir an so einem wundervollen Ort unterkommen könnten, hatten wir nicht zu hoffen gewagt.

Nun genießen wir also die frühsommerliche Wärme auf ihrer Terrasse, freuen uns auf einen entspannten Wandertag ohne großem Gewicht auf dem Rücken dank Slackpacking und müssen uns nur noch mit der Frage herumquälen, in welchem Restaurant wir heute Abend meinen Geburtstag begießen.

Delaware Water Gap, PA

Delaware Water Gap

TAG 93: 05/14/15, 7:30 PM
GUT BESCHUHT IST HALB GEWANDERT
Vermutlich war der steinige und steile Aufstieg nach dem Besuch von Slatington eine der härtesten Stellen dey gesamten Appalachian Trails, abgesehen von der Besteigung von Mount Katahdin vielleicht. Dort werden wir aber vermutlich nicht mit 20 Kilo auf dem Rücken und wesentlich ausgeruhter starten. Der Besuch des kleinen Örtchens nahe des Trails war relativ erfolgreich: Wir wurden rund fünf Pfund Gepäck los, konnten ein bisschen einkaufen, unsere Wäsche waschen und Emails nach Hause schreiben. Leider benötigte das alles weit mehr Zeit als geplant. Als wir noch mittags in der Stadt verweilten und weit vom Wiederaufnehmen des Wanderns entfernt schienen, kamen wir zu dem Schluss, es wohl kaum mehr zu dem 16 Meilen entfernten Shelter zu schaffen. Da die Gegend leider recht wasserlos ist, war zelten auch keine Alternative – nur die Garage der Familie Stempa, die als Hikerzuflucht in unseren Guide eingetragen war, schien infrage zu kommen. Nach einem kurzen Telefongespräch war die Unterkunft also gesichert.

Nachdem wir die Nacht und Garage mit zwei Sectionhikern und ein paar Tausendfüßlern geteilt hatten, standen uns noch etwa 23 Meilen der Hölle Pennsylvanias bevor – entweder schafften wir es also zum – vielleicht nicht Erlösung, doch zumindest – Genugtuung versprechenden Delaware Water Gap, PA, welches den Übergang nach New Jersey markiert, oder wir brächen am Shelter ab. Dieses erreichten wir mit sechs verbleibenden Meilen gegen vier Uhr nachmittags, und da wir uns noch relativ fit fühlten, stand dem Staatenabschluss nichts im Wege. Genau genommen, erfolgt der offizielle „Übertritt“ am nächsten Tag. Und
Und hier blieben wir auch gleich noch einen Tag, da der Besuch beim ortsansässigen Outfitter betreffs neuer Schuhe für mich wegen mangelnder Auswahl und minimalem Vekaufsinteresse leider nicht erfolgreich war. Als Alternative entschieden wir uns nach Stroudsburg zu fahren, nachdem Umbrellaman bereits dort einen anderen Outfitter outfindig machen konnte, der auch genügend Outwahl und Spaß an Verouterung dieser vorzuweisen hatte.

Mit neuen Stiefeln und einer Handvoll Dollar weniger im Gepäck verlief der Zeroday nach dem obligatorischen Besuch Walmarts wie im Fluge, Kalorienzufuhr und Fußpflege standen dabei im Vordergrund. Jetzt freuen wir uns wie Bolle auf den mittlerweile achten Staat. New Jersey, wir kommen!

Slatington, PA

Eagles Nest Shelter

TAG 87: 05/08/15, 8:24 PM
ROCKSYLVANIEN
Obwohl wir über Pennsylvania auf unserer Reise aus dem Süden eigentlich nur Schlechtes, vor allem wegen der berühmt-berüchtigten Felsenkletterei, gehört hatten, gestalteten sich der kurze Abstecher in unseren sechsten Staat, Maryland, und die ersten fünfzig Meilen des siebten, Pennsylvania, so, wie wir uns den Shenandoah National Park gewünscht hatten: warm, flach, grün. Unsere Freude wurde nur leicht gedämpft, was nicht nur mit den vielen Wegen und Straßen zusammenhing, die man immer wieder überquert und kein richtiges Wildnisgefühl aufkommen lassen, wie wir es vom Beginn unserer Wanderschaft kannten, offenbar bahnte sich auch eine Entzündung in meinem linken Fuß an, die mich am vollen Auftreten hindert. Seitdem halte ich mich noch immer mit Schmerztabletten über Wasser, was aber selbstverständlich keine Dauerlösung ist – falls es noch viel länger bestehen bleibt, müssen wir ein zweites Mal Bekanntschaft mit dem grandiosen amerikanischen Gesundheitssystem machen. Eigentlich müssten wir unsere Füße also schonen und zumindest kleinere Touren machen, doch genau das Gegenteil ist der Fall: Seit Harpers Ferry haben wir mit mehreren 25-Meilen-Tagen so große Touren wie noch nie gemacht. Mitschuld hatte daran die Half-Gallon-Challenge, von der wir schon seit Wochen träumen – ich zumindest. Kann man die halbe Gallone, also etwas weniger als zwei Liter, Eiscreme nach Wahl bezwingen, wird man in den hiesigen Club aufgenommen, was mit einem bedruckten Holzstiel besiegelt wird. Bis zum Memorial Day am 25. Mai sollte der Laden nur am Wochenende geöffnet haben, daher gaben wir alles, um noch am Sonntagnachmittag dort anzukommen. Auf dem Weg dorthin passierten wir auch den aktuellen Mittelpunkt des Trails, wir sind also nun näher an Katahdin, als an Springer Mountain! Neben dem tatsächlichen Mittelpunkt diesen Jahres sollten wir auch noch einen historischen sowie den originalen passieren, da kommt man schon mal ein bisschen durcheinander.

Um uns von den langen Tagen wenigstens kurze Erholung zu gönnen, nahmen wir uns den Nachmittag in dem beschaulichen Örtchen Boiling Springs, PA frei. Dort mussten wir sowieso zur Post, um unser Versorgungspaket aufzugreifen, doch die nächsten 14 Meilen zum Shelter hätten wir nur schwerlich geschafft. Da das Zelten in der Cumberland Valley, durch die sich der Trail bis dahin zieht, verboten ist, zelteten wir also am stadteigenen Zeltplatz – direkt neben der Güterbahnlinie. Lange schlafen wollten wir jedoch ohnehin nicht, da wir in einem Rutsch nach Duncannon, PA durchzugehen planten. Eine Dusche und ein richtiges Bett hatten wir bei der momentan fast sommerlich anmutenden Hitze bitter nötig, deshalb übernachteten wir in der ehemaligen Pendlerabsteige „The Doyle“. Günstig, und zumindest hatten die Betten keine Flöhe. Glauben wir.

Nun trennen uns noch weitere neun Meilen von unserem nächsten Paket in Port Clinton, PA. Da morgen jedoch Samstag ist, öffnet die Post nur von 8 bis 11 Uhr – und dann erst wieder am Montag. Um es also rechtzeitig zu schaffen, wird der Wecker um 3 Uhr klingeln…

Was in den kommenden Wochen auf uns zukommt, ist noch nicht so recht abzusehen. Einerseits wollen wir schnellstmöglich aus dem unwegsamen Gelände Pennsylvanias raus, andererseits kommen wir nicht so schnell voran, wie wir gerne würden. Die spitzen Steine im Boden tun unseren sowieso geschundenen Füßen nicht gerade gut, doch sind wir auch unsicher, ob sie sich prompt an der Staatsgrenze nach New Jersey in etwa 90 Meilen verabschieden.

George W. Outerbridge Shelter

TAG 90: 05/11/15, 8:43 PM
ROCK N ROLL
Pennsylvania rocks! Und das ist wörtlich gemeint! Große Felsen, Kletterpassagen, Geröllfelder und besonders fies: unregelmäßige spitze Steine über den ganzen Weg verteilt. Inzwischen haben wir solche Fußschmerzen, das wir unseren Tagesschnitt auf ca. 16 bis 17 Meilen senken mussten. Jeder Hiker scheint da sein eigenes Rezept zu haben, Salben, Schuhe, Einlagen, Pillen – unseres heißt weniger Meilen und Ibuprofen. Jeder zweite Eintrag im Shelterlogbuch handelt vom Ärger über oder mit den Steinen. Wettermäßig sind wir fast im Hochsommer, es soll aber in den nächsten Nächten wieder kühler werden.

In Erinnerung bleiben wird uns der supercoole “Barbershop” in Port Clinton. Eigentlich wollten wir nur kurz unsere Maildrop im Postoffice abholen – weswegen wir ja bereits um 4:00 Uhr gestartet waren – um dann so schnell wie ins nahe gelegene Hamburg zu trampen. Auf dem Weg trafen wir Red Feather, Yo-Yo und Tweet, die uns dringend rieten den gegenüberliegenden Barbershop zu besuchen, wo Frank, der Barbier, Hiker zu Kaffee, Keksen und ausdrücklichem Abhängen einlud (was sonst in vielen Laden explizit unerwünscht ist). Der Laden war eine optische Zeitreise in die 50er, mit einem sehr sympathischen und skurrillen Friseur Frank, der zusammen mit seinem knapp 90jährigen Vater in dieser Kulisse Haare schnitt und Hiker bewirtete. Beide luden uns sofort zu Pizza und Livemusik ein, die ab 11 Uhr im Laden stattfinden sollte. So fiel unser Besuch in Hamburg relativ kurz aus. Unser Trailangel, den andere Hiker kennengelernt hatten, spielte freudig Taxi für uns und fuhr uns freudig zu Walmart und Outfitter, auch wenn wir Stunden brauchten. Letztendlich schafften wir es, uns mit unseren unheimlich schweren Rucksäcken zum nächsten Shelter zu schleppen. Die Tage darauf wurden steinig und schwer, sodass wir froh sind, morgen in einem Ort mit Post sind.
Vielleicht können wir mit einem Paket wieder etwas Gewicht verlieren, bevor wir morgen einen der schwierigsten Anstiege überhaupt bezwingen müssen, da dieser nicht nur steil sondern auch steinig sein soll. Hoffentlich treffen wir dort nicht auf allzu viele Schlangen, die sich in Pennsylvania zu häufen scheinen – wir vermuten, sogar schon eine Klapperschlange verbuchen zu können.